aw-Wert und rF-Wert bei Wasserschäden richtig verstehen
In Mess- und Trocknungsprotokollen stehen häufig Angaben wie 55 Prozent rF, aw 0,80, 8,2 g/kg oder g/AB 11,4. Diese Werte sehen ähnlich aus, beschreiben aber unterschiedliche physikalische Größen und Messorte.
Der rF-Wert beschreibt die relative Luftfeuchte bei einer bestimmten Temperatur. Der aw-Wert beschreibt die Wasseraktivität beziehungsweise das Feuchtegleichgewicht an einer Materialgrenzfläche auf einer Skala von 0 bis 1. Absolute Feuchte in g/kg oder g/m³ beschreibt dagegen eine tatsächliche Wasserdampfmenge in der Luft.
Die Werte werden erst aussagekräftig, wenn Messort, Temperatur, Einheit, Abdichtung und Angleichzeit bekannt sind. Raumluft, Wandoberfläche, Bohrloch und Dämmschicht dürfen nicht ohne Weiteres miteinander verglichen werden.
Wo begegnen diese Werte in der Praxis?
Die gleiche Einheit kann an unterschiedlichen Messorten eine völlig andere fachliche Bedeutung haben.
Raumklima im Schadenraum
Temperatur und relative Feuchte beschreiben die Luftbedingungen. Sie zeigen nicht automatisch, wie feucht eine Wand oder Dämmschicht ist.
Abgedichtete Messkammer an einer Oberfläche
Nach ausreichender Angleichzeit kann die relative Gleichgewichtsfeuchte beziehungsweise Wasseraktivität an der Materialgrenzfläche beurteilt werden.
Bohrloch oder Dämmschicht
Ein abgedichteter Fühler misst Temperatur und relative Feuchte innerhalb der Konstruktion. Raumlufteinfluss und Bohrwärme müssen ausgeschlossen werden.
Prozessluft einer Dämmschichttrocknung
Absolute Feuchte von Raum-/Zuluft und Abluft wird verglichen, um zu erkennen, ob die Luft beim Durchströmen Wasser aufnimmt.
Acht Messgrößen und Begriffe verständlich erklärt
Die Begriffe gehören zu verschiedenen physikalischen Betrachtungen. Ihre Werte sind nur dann vergleichbar, wenn Messbedingungen und Bezugsgröße zusammenpassen.
1. Relative Luftfeuchte rF beziehungsweise RH
Die relative Feuchte wird in Prozent angegeben. Erwärmt sich Luft bei gleicher Wasserdampfmenge, sinkt der Prozentwert; kühlt sie ab, steigt er. Deshalb gehört zur rF immer die Temperatur.
Geeignet für: Raumklima, Kondensationsbewertung, Hohlraum- und Gleichgewichtsmessungen.
Aussagegrenze: Ein rF-Wert ohne Temperatur und Messort ist nur eingeschränkt interpretierbar.
2. Wasseraktivität aw
Die relative Feuchte beschreibt den temperaturabhängigen Sättigungsgrad der Luft. Ein Wert in der Raumluft besitzt eine andere Aussage als derselbe Prozentwert in einer abgedichteten Dämmschichtmessung.
Geeignet für: Feuchtegleichgewicht und mikrobiologische Bewertung von Materialoberflächen oder Proben.
Aussagegrenze: aw 0,80 bedeutet nicht, dass ein Baustoff zu 80 Prozent aus Wasser besteht.
3. Absolute Feuchte in g/kg trockene Luft
Diese Größe bleibt bei bloßer Erwärmung oder Abkühlung der Luft im Wesentlichen vergleichbar. Sie eignet sich deshalb besonders für den Vergleich von Raum-/Zuluft und Abluft bei Trocknungsprozessen.
Geeignet für: Prozessluftvergleich, Lüftungs- und Trocknungsbewertung.
Aussagegrenze: Die Einheit muss vollständig angegeben werden; ein bloßer „g-Wert“ ist nicht eindeutig.
4. Absolute Feuchte in g/m³ Luft
Die Größe bezieht sich auf ein Luftvolumen. Weil sich Luftvolumen mit Temperatur und Druck ändert, müssen die Messbedingungen beim Vergleich berücksichtigt werden.
Geeignet für: Raumklima- und Lüftungsbetrachtung bei dokumentierter Temperatur.
Aussagegrenze: g/m³ und g/kg sind unterschiedliche Bezugsgrößen und nicht ohne Umrechnung austauschbar.
5. KRL – korrespondierende relative Luftfeuchte
Abhängig vom normierten Verfahren wird eine Materialprobe, eine abgedichtete Box oder ein Bohrloch verwendet. Die Messung dient besonders definierten Fragen vor Bodenbelagsarbeiten.
Geeignet für: Mineralische Untergründe, Estrich und Belegreifebewertung im passenden Verfahren.
Aussagegrenze: KRL ist nicht identisch mit einer offenen Raumluftmessung und nicht automatisch mit CM-% vergleichbar.
6. g/R – Raum- oder Zuluft
Der Buchstabe R steht häufig für Raumluft. Entscheidend sind Geräte- beziehungsweise Softwarelegende und die angegebene Einheit, meist g/kg oder g/m³.
Geeignet für: Ausgangswert beim Vergleich der Prozessluft einer Dämmschichttrocknung.
Aussagegrenze: Die Abkürzung ist nicht herstellerübergreifend genormt.
7. g/AB – Abluft
Ist g/AB unter vergleichbaren Bedingungen höher als g/R, hat die Luft beim Durchströmen der Konstruktion Feuchtigkeit aufgenommen. Die Differenz wird als Δg betrachtet.
Geeignet für: Nachweis des aktuellen Feuchtetransports im laufenden Trocknungsprozess.
Aussagegrenze: Eine geringe Differenz kann Trocknungsfortschritt, aber auch Nebenluft oder unzureichende Durchströmung bedeuten.
8. Digits und andere Geräteanzeigen
Kapazitive oder mikrowellenbasierte Geräte zeigen je nach Hersteller Skalenwerte. Sie eignen sich für Raster- und Vergleichsmessungen innerhalb ähnlicher Materialien.
Geeignet für: Feuchteverteilung und Auswahl vertiefender Messstellen.
Aussagegrenze: Digits dürfen nicht als rF, aw, CM-% oder Masseprozent gelesen werden.
So werden Feuchtewerte richtig gelesen
Vor jeder Interpretation werden fünf Fragen beantwortet. Dadurch lassen sich viele Fehlentscheidungen vermeiden.
Schritt 1: Messgröße identifizieren
Prüfen, ob rF, aw, g/kg, g/m³, KRL, CM-% oder ein gerätespezifischer Wert vorliegt.
Schritt 2: Messort bestimmen
Raumluft, Oberfläche, Messkammer, Bohrloch, Dämmschicht oder Prozessluft eindeutig zuordnen.
Schritt 3: Temperatur und Einheit prüfen
Relative Werte benötigen Temperaturbezug; absolute Werte benötigen die vollständige Bezugsgröße.
Schritt 4: Messaufbau und Angleichzeit bewerten
Abdichtung, Sensorlage, Bohrwärme, Nebenluft und ausreichendes Gleichgewicht berücksichtigen.
Schritt 5: Mit Referenz und Verlauf vergleichen
Einzelwert nicht isolieren, sondern mit unauffälligem Bereich, vorherigen Messungen und Konstruktion zusammenführen.
